Erst „Naivität“ – dann Geschichtsklitterung und Aufrüstung…?

„Guten Morgen, obwohl es ja gar kein guter Morgen ist…“ – so klingt es als Dauerschleife in den Frühsendungen des Fernsehens. Sowas nutzt sich schnell ab und wirkt phrasenhaft, auch wenn damit vielleicht etwas hilflose Emotionalität über die heftigen russischen Militäraktionen in der Ukraine transportiert werden soll.

Weniger hilflos hingegen sind andere, ebenfalls auf allen Kanälen verbreitete Kommentare zum völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine: Man sei „naiv“ gewesen, „Putin“ so etwas nicht zuzutrauen und es auch nicht vorhersehen zu wollen… Das klingt eher nach Selbstentschuldigung und Unschuldslamm-Rhetorik: „Wir können ja nichts dafür, Putin war‘s“. Klingt aber auch etwas nach „Unsere Scharfmacher hatten Recht, und wir wollten‘s nicht glauben“… Aber nun glauben „wir“ das lieber mal alles!

Abgesehen davon, dass solche Naivitäts-Bekundungen zunächst etwas lächerlich klingen, sind sie doch berechnend genug: Sie sollen die Vorgeschichte – und damit das jahrelange Mit-Anheizen des Konflikts – in den Hintergrund rücken oder gar vergessen machen. „Putin war‘s“! Seit Jahrzehnten hören wir ja von „Freedom and Democracy“, in deren treuen Glauben die Nato-Staaten und besonders ihre Führungsmacht USA nicht müde werden, Militärinterventionen, Putsch-Aktionen und neue Kriege durchzuführen oder mindestens aktiv zu unterstützen. Die Liste ist lang und hinreichend bekannt. Die Millionenzahl der Opfer auch.

Mit demokratischen „Werten“ und dem „Selbstbestimmungsrecht“ der osteuropäischen Staaten wurde auch die Nato-Osterweiterung medial jahrzehntelang verkauft, obwohl klar sein musste, dass sie die Großmacht Russland zumindest „irritieren“ musste – umso mehr, weil Kooperationsangebote aus Moskau bewusst ausgeschlagen und Rüstungskontrollabkommen mehrfach aus Washington aufgekündigt wurden. Als nun in der Ukraine eine Nato-Mitgliedschaft schon zum dritten Mal in den Ring geworfen wurde, war das Maß in Russland wohl voll.

Dass Russland keine „Regionalmacht“ ist, wie der frühere USA-Präsident Obama es mal abfällig in die Mikrofone geblubbert hatte, dürfte nun schmerzlich deutlich geworden sein: Auch die Großmacht Russland kann Militärinterventionen und Blitzangriffe – und ist nicht bereit, sich immer wieder am Nasenring durch die Nato-Manege ziehen zu lassen. In diesem Bereich wäre der winselnde Selbstvorwurf eigener Naivität eher angebracht…

Doch das Naivitätsgefasel hat auch eine zweite, ganz andere Absicht: Nun, so tönt es aus Politik und „Experten“-Runden, müsse Schluss sein mit der Degradierung des Militärischen – und es müsse endlich „modernisiert und verstärkt“ werden. Gemeint ist Aufrüstung, die die Bevölkerung, der es an Lebenswichtigem mangelt und die Frieden möchte, nicht will…

Jetzt schlägt die Stunde derer, die die jahrelange „Vernachlässigung der Bundeswehr“ (Lindner/FDP) beklagen, die „deutlich mehr machen“ wollen (Baerbock/Grüne) und auch einige, die das (ohnehin sehr löchrige) Waffenexportverbot über den Haufen werfen wollen. Schließlich, so heißt es dann, müsse „Solidarität“ nicht nur im Munde geführt, sondern auch praktisch (heißt: mit Waffen!) umgesetzt werden. So rufen es bereits erste Exil-Ukrainer vor dem Bundeskanzleramt…

Mit der bösen und schon jahrelang erprobten Putin-Fratze und der neuen eigenen Naivitätsmasche wird bereits am Tag 1 der russischen Aggression gegen die Ukraine das Feld für noch mehr Waffen bereitet, die noch mehr Geld kosten und noch mehr Kriege befeuern sollen. Wenn das in den kommenden Wochen weiter durch die Medien gehämmert wird, könnten derzeit noch mehrheitliche Zweifel und Ablehnung von noch mehr Militär-Milliarden womöglich aus der Welt geschafft werden. – Friedensfreunde würden dann ganz schön blöd in die Röhre gucken…

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