Mission completed (?): DDR-Palast weg, Imperialisten-Schloss da!

Irgendwie geht uns ja die Hauptstadt Berlin alle an. Nach Jahrzehnten können dort nun die „Palast-Stürmer“ (fast schon in zweiter Generation) ihren Triumph feiern: Das „Humboldt-Forum“ – sprich: die kaiserliche Schloss-Attrappe – wird eröffnet. Kunst soll den Vorwand für die Nachbildung des Schlosses bieten; deshalb heißt es offiziell „Forum“. Aber das ist Quatsch. In der Umgangssprache ist es eben „das Schloss“, und genau das war und ist wohl auch beabsichtigt.

Nach der Abwicklung der DDR konnte es vielen Rückwärts-Historikern, Teilen der Politik und der wendebewegten Massen gar nicht schnell genug gehen: Der Palast der Republik am Marx-Engels-Forum im Herzen der Ex-DDR-Hauptstadt musste weg – „aber ein bisschen plötzlich“! Anfangs fand dies auch Unterstützung bei den DDR-Bürger*innen, denen ihr eigenes Grundstück noch nicht entwendet, deren Arbeitsplätze durch Politik, Treuhand & Co. noch nicht vernichtet oder deren Mieten noch nicht in ungeahnte Höhen getrieben worden waren.

Auf der Klaviatur der Unkenntlichmachung des (nun ehemaligen) sozialistischen Stadtzentrums wurde fortan rückwärts gespielt – und zwar zumeist von mehr oder weniger einflussreichen Personen aus dem Westen. Einige schrille Töne durften dabei nicht fehlen: Mit dem sich ständig wiederholenden, paukenschlagenden Motiv des „Unrechtsstaates“ (das alle mittrommeln sollten) gab es auch das disharmonische, Angst einflößende Geflöte der Asbestverseuchung… Schon 1990 wurde der Palast deshalb für die Öffentlichkeit geschlossen und ausgeplündert. Sein ehedem bestauntes Inventar zerstreute sich sobald in alle Winde – und war „schon mal weg“…

So war der Palast bereits zu Grabe getragen, bevor er (Jahre später) völlig platt gemacht wurde. Übrigens kümmerte sich die zuständige Politik um zahlreiche asbestverseuchte Arbeits- und Ausbildungsplätze (auch in Westberlin) weitaus weniger eifrig. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Dabei war vielen nach einigen Schreck-Monaten klar, worum es eigentlich ging: Was für einige bis 1990 eigentlich nie „real existieren“ durfte, nämlich die DDR, musste nach dem Einzug des gesamtdeutschen Kapitalismus entrümpelt, entsorgt und entwertet werden.

Anfangs sollte es im Überschwang des Sieges auch dem in den 60er und 70er Jahren modernisierten Alexanderplatz-Ensemble an den Kragen gehen – zwar nicht durch Totalabriss, aber durch schwindelerregend hohe, neue Wolkenkratzer. Was vorher schon nicht unbedingt schön war, sollte nun im Stil des bereits verunstalteten neuen Potsdamer Platzes den Blick auf das alte Interhotel, das Haus des Lehrers und (wo möglich) auch auf den Fernsehturm, dessen Höhe und Modernität dem Westen schon seit 1969 tagtäglich wie ein Dorn ins Auge stach, verstellen. – Um bei der rückwärts spielenden Klaviatur zu bleiben: Diese noch monströsere Wegbetonierung des DDR-Zentrums hätte wahrhaftig wagnerianische Endzeit-Motive gehabt…

Doch blieb es bisher bei der Total-Entfernung des Palastes der Republik, der auf die dort eher selten tagende DDR-Volkskammer reduziert und dessen kulturelle Anziehungskraft für die Menschen „mit Erfolg“ entwertet worden war. – Heute nun sieht alles (fast) wieder so aus, wie es den Westentaschen-Historikern schon seit Ende des letzten Jahrhunderts vorschwebte.

Und damit die Schlossfassade nicht zu schnell mit dem kanonendonnernden Imperialismus von Preußen und Kaiserreich in Verbindung gebracht wird (in den kaiserlichen Gemächern war der blutige Erste Weltkrieg mit angezündet worden) – und weil ein passender Regent bzw. eine Regentin sowieso nicht mehr aufzutreiben ist, wird der neue Klotz an der Spree nun als kulturelles „Forum“ tituliert. Hinter der royal verklärenden Fassade, die Ewiggestriges mit kaiserlichem Tschingderassabum der vormals in der DDR gewählten Modernität vorzieht, wird zeitgenössische Kunst zu finden sein, aber eben auch Beutekunst aus kolonialer und imperialistischer Zeit. So schließt sich der Kreis…

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