So viel „Regenbogen“ war nie…

In Sachen Fußball-EM und dem Spiel BRD-Ungarn empört sich gerade ein Großteil der Republik mächtig. Denn es geht um die rechts-reaktionäre Regierung Ungarns, die ein Anti-Homo-und-Trans-Gesetz durch das Budapester Parlament gebracht hat. – Doch halt! Es geht inzwischen um noch etwas ganz Anderes: Die UEFA hat als EM-Veranstalterin einen Vorschlag des SPD-Oberbürgermeisters von München zurückgewiesen, das Münchner Stadion, in dem die BRD-Mannschaft gestern gegen die ungarische spielte, am Spieltag in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen – als Protest gegen die Politik der Orbán-Regierung…

Darüber schlagen nun erst recht die Wellen der Empörung hoch. Nun, da trifft es mit der UEFA und ihrer Profit- und Vermarktungsstrategie sicherlich niemand Falschen – aber inzwischen ist das Ganze zu einer geifernden Anti-UEFA- statt der gedachten Anti-Orbán-Kampagne geworden. Und weil das Regenbogensymbol nicht auf der Außenfassade des Münchner Stadions erstrahlen darf, verlieren einige aufgeladene Aktivist*innen bisweilen sogar ihre gute Kinderstube: Ein schleswig-holsteinischer Bundestagsabgeordneter der Linken beispielsweise nannte die UEFA in einem regenbogenunterlegten Post wutschäumend einen „Drecksverein“… Na sowas!

So viel „Regenbogen“ wie in den letzten Tagen war noch nie: Ein ARD-Frühmoderatorenteam trat mit Regenbogen-Armbändern vor die Kamera, der Fernsehsender NTV stellte sein Online-Logo von rot auf bunt um, der Elektronikgigant Saturn auch usw. usf. – Auch die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange ließ am gestrigen Spieltag außerplanmäßig die Regenbogenflaggen, die dort sonst nur zu den Flensburger Rainbow Days wehen dürfen, vor dem Rathaus aufziehen; die Genehmigung für so etwas ist normalerweise eine recht umständliche Prozedur. Das sei „eine Frage der Haltung“, erklärte sie dazu. Eine schöne Geste, gewiss… Noch schöner wäre es aber gewesen, wenn das schon vor dem Anti-UEFA-Shitstorm geschehen wäre – und mit den deutlichen Worten, dass die ungarische Politik reaktionär und menschenverachtend handelt, und die einiger anderer EU- und weltweit ebenfalls!

Hunderttausende Facebook- und andere Internet-Profile erstrahlen zurzeit in Regenbogenfarben… Die Symbolhandlungen gehen leicht von der Hand und stellen eine vermeintlich übermächtige Gemeinschaft her, durch die die Stadionlichter in München aber übrigens auch nicht in den gewünschten Farben eingeschaltet werden. Das Fußballspiel BRD-Ungarn wird so zum Protestzug gegen die UEFA – und eher weniger gegen die ungarische Orbán-Regierung. Das ist bedauerlich.

Und dabei tritt völlig in den Hintergrund, dass ein weiteres EU-Land, nämlich Polen, in dem die rechte Regierung ebenfalls gegen queere Menschen hetzt und in dem es überall im Land sog. „LGTB-freie Zonen“ gibt, ebenfalls bei der Fußball-EM antritt… Wo sind da eigentlich die Regenbogen-Fluten??? Warum wird das nicht ebenso deutlich thematisiert?

Warum nennt die EU-Kommissionspräsidentin das nicht auch eine „Schande“? Warum werden gegen die polnischen Verhältnisse nicht auch Lichter-Aktionen während der EM veranstaltet? Weil die polnische Mannschaft nicht in einem bundesdeutschen Stadion spielt? Das wäre ein schwaches Argument… Und was machen „wir“ eigentlich bei der Fußball-WM in Katar im nächsten Jahr, wenn dort Mannschaften aus Ländern mit islamistischen, queerfeindlichen Regimen antreten? Beleuchten wir dann Dutzende Stadien hierzulande in Regenbogenfarben und die Fans gehen in Katar aus Protest gegen die FIFA (Gründe gäbe es reichlich!) mit bunten Wink-Elementen ins Stadion?

Der eigentliche Kern ist aber doch ein ganz anderer: Es muss um das gesamtgesellschaftliche Ausblenden von Homo-, Trans-und anderen Queer-Identitäten, um das heimliche oder auch offene Mobbing und um die immer noch bestehende Gewalt in diesem Bereich gehen. Zwar ist die Akzeptanz in der Breite gestiegen, doch besonders in rechtsextremen Kreisen nimmt der Hass immer zu, aber auch in Teilen des radikalisierten Islamismus. Reichen da immer mehr Regenbogen-Zeigeaktionen aus?

Lassen sich die ungarischen oder polnischen – oder gar die radikal-islamistischen Machthaber von Regenbogen-Flaggen und -Beleuchtungen von ihrem menschenverachtenden Kurs gegenüber queeren Menschen abbringen? Oder radikalisierte Jugendliche? – Nein, das bleibt wohl eine Illusion. Vielmehr verschärfen sie ihre Tiraden und Repressionen noch, weil sie sich durch die wachsende und sichtbare „Gefahr“ in ihrem Hass bestärkt fühlen…

Ungarn und Polen sind – wie wir wissen – Teil der sog. „westlichen Wertegemeinschaft“ in Nato und EU, aber dort regt sich nur zaghafter Widerspruch gegen die osteuropäischen Meinungsdiktaturen, die es nicht nur auf Queer-Lebensformen, sondern auch auf die Pressefreiheit und die freie Gerichtsbarkeit abgesehen haben. Entsetzter Protest dagegen gehört allerdings nicht zum alltäglichen Bild der bundesdeutschen Politik-Landschaft, weder auf den Straßen noch im Internet… Die Regenbogen-Welle rollte ja auch erst besonders stark nach dem UEFA-Beschluss, das Stadion in München nicht bunt zu beleuchten.

Und so mutiert aktuell der „Regenbogen“ während der Fußball-EM zu einem Protestsignal anderer Art. Und zu einem Symbol-Rausch gegen eine (viel zu) machtvolle Fußball-Organisation – während die alltägliche Diskriminierung oder gar Verfolgung betroffener Menschen hierzulande, in Ungarn oder anderswo in die zweite Reihe rückt. Dabei besteht die Gefahr, dass eine solche Umdeutung des Regenbogen-Zeichens die eigentliche Bedeutung als Identitätssymbol von Queer-Bewegungen und -Personen schwächen könnte. – Besonders delikat ist übrigens, dass gestern die UEFA selbst die Regenbogen-Farben in ihr Logo gesetzt hat… Paradigmenwechsel, Entwertung und Beliebigkeit sind eben auch Teil dieses „Spiels“.

Der „Regenbogen“ ist eben kein beliebiges Meinungsfreiheits- oder Machtsymbol, das sich je nach Wut- oder Betroffenheitslage eben mal so aus dem Ärmel ziehen lässt – und das übrigens auch schon von Querdenkern missbraucht wird. Das sollte für zukünftige Spontan-Aktionen in Erinnerung bleiben.

3 Kommentare zu „So viel „Regenbogen“ war nie…

  1. Schon wieder ein sehr gelungener Artikel von dir, lieber Herman. Du bist aktuell gut in Form 🙂

    Das Thema zeigt, wie relevant der Fußball inzwischen als „Gleitmittel“ für wichtige gesellschaftliche Themen geworden ist um die Menschen zu erreichen, die um Nachrichten zumeist einen weiten Bogen machen.

    Und ja, natürlich sind diese Regenbogen-Aktionen billig zu kriegen und damit wohlfeil, aber sie sind dennoch wichtig: Als Zeichen sichtbarer Solidarität mit den unter Druck stehenden LGTB-Communities in den angesprochenen Ländern. Wenn die offizielle Politik Brüssels schon kaum Handhabe hat, muss es halt die Zivilgesellschaft richten.

    Der Kicker, der ansonsten normalerweise nicht für progressive gesellschaftliche Ansätze bekannt ist, hat dazu einen sehr guten Kommentar geschrieben:

    https://www.kicker.de/vielfalt-ja-aber-nur-wenn-es-keinem-wehtut-807990/artikel

    Da ist es natürlich Bullshit, immer noch die Phrase, Sport sei unpolitisch, zu dreschen. Fußball war schon immer politisch. Schon die erste WM, an die ich mich bewusst zurückerinnern kann (1978 in Argentinien) war politisch.

    Katar, du weist mit Recht darauf hin, lieber Herman, wird ebenso politisch. Und in mir kämpfen noch der Fußballfan und der Moralist, sprich, ob ich mir das Event anschauen soll oder nicht.

    In dem Zusammenhang: Ich bin gespannt, was die UEFA i.S. Budapest so ermittelt. Dort ist es, du wirst es mitbekommen haben, in den beiden ersten Spielen der Ungarn gegen Portugal und Frankreich zu üblen Beschimpfungen und rassistischen Beleidigungen durch einige sog. „Fans“ gekommen.

    Der Kicker konkretisiert in seiner Printausgabe vom Montag: Es handelt sich wohl um eine neonazistisch geprägte Hooligan-Gruppierung namens „Carpathian Brigade“, die bereits seit einigen Jahren immer wieder mal negativ auffällt. Zu Recht wirft der Kicker die Frage auf, wie diese Gruppe in dieser Stärke geballt in der Kurve ihr Unwesen treiben kann, wo die Eintrittskarten doch angeblich verlost wurden.

    Ich frage mich, welche Handhabe der Schiedsrichter in solchen Fällen hat, in denen es zu rassistischen Pöbeleien kommt. In nationalen Ligen wurden ja Spiele deswegen schon abgebrochen. Jedenfalls hätte ich vollstes Verständnis gehabt, wenn die Mannschaften Portugals und Frankreichs sich geweigert hätten weiterzuspielen.

    Und wieder zeigt sich: Fußball ist eine große Weltbühne, auf der auf ewig das große Stück des Lebens gespielt wird. Es gibt die Guten und es gibt die Schurken. Und ganz viel Drama (Eriksen) und ganz viel Freude (wie Tore aus 45 Metern Entfernung).

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    1. Danke schön, lieber Jochen – und danke auch für deine interessante Ergänzung und die Links. Wie du ja weißt, habe ich mit Sport (dem kommerziellen allemal) nicht viel am Hut… Aber Sport ist nun mal (wie fast alles Andere) auch Politik, besonders wenn es dabei um Geld, Macht und Einfluss geht. Und dass ist ja bei solchen Riesen-Events nun mal der Fall…

      Es ist schon positiv, dass sich hier und da neben dem dumpfen „Deutschland“-Gebrülle und dem selbstbewussten, aber inflationärem Gewedele mit BRD-Flaggen („man wird doch noch mal……“) auch humanistische Gedanken bei einigen Leuten auftauchen. Lieber spät als nie! Ob das allerdings immer zielführend ist, darf – gerade im aktuellen Fall – aber auch bezweifelt werden. „Ich“ kann mir nicht die fußballernden Herren vor der Reklamewand angucken, aber dann auf Humanismus und Gleichstellung hoffen… Aber dennoch: Gerne etwas mehr „Cristiano 7“, der das Werbesignal des Cola-Konzerns beiseite wischte und „Água!“ verlangte. Davon braucht der Event-Sport noch viel, viel mehr!

      Wie sehr solche Sport-Events auch mit Gleichgültigkeit oder dumpfem Nationalismus bis hin zu Sexismus und Rassismus (du hast die Hooligans ja erwähnt) gepaart sind, ist bekannt. Und niemand sollte sich der Illusion hingeben, dies sei mit Regenbogen-Symbolen oder etwas Lifestyle-Moral zu ändern… Was dann passieren kann, war Gegenstand meines Textes.

      Die sexistische und rassistische Gewalt beginnt oft schon im lokalen Sportverein, wenn dort nicht ein klarer Riegel vorgeschoben wird – und das ist nur selten der Fall. Der Traum vom „Profi“ ist auch da schon ein treibender Trend. – Und solange die breite Mehrheit Spielerkäufe und Ablösesummen in mehrstelliger Millionenhöhe hinnimmt (und damit auch die kapitalistische Kommerzialisierung und Vermarktung), wird sich ebenso wenig ändern.

      „Katar“ wird vielleicht interessant – weil dort der Irrsinn und die Entmenschlichung von Spitzen-Sport noch sichtbarer und greifbarer wird… Aber eigentlich wissen „wir“ das ja schon seit vielen Jahren. Außer Entrüstung und gespieltem Kopfschütteln ist da nicht viel passiert. Also steht wohl zu befürchten, dass auch dort „business as usual“ betrieben werden kann – vielleicht begleitet von ein paar kurzlebigen Statements oder „Aktionen“.

      Vor echter Courage (ob bei Funktionären oder Schiedsrichtern) steht „das System“ – in diesem Fall der FIFA. Da kann ich es mir als Anti-Sportler vielleicht etwas leichter machen: Ich gucke gar nicht erst hin (z.B. im TV)… 🙂

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