Flensburg: Soziale Infektions-Hotspots in beengten Wohnverhältnissen

In den verganene zwei Wochen gab es in der Fördestadt stark zunehmende Infektionen im Bereich Leiharbeit, Geflüchtete und Familien. Dazu hat die Flensburger Ratsfraktion DIE LINKE die folgende Stellungnahme verfasst, in der ich als sozialpolitischer Sprecher zu Wort komme.

Im seit einigen Wochen abnehmenden Trend der Corona-Neuinfektionen in Bund und Land steigen die Zahlen in Flensburg stetig an. Durch Virusmutationen, die in Flensburg bereits bei 30-40 Prozent aller Tests vorliegen, verschärft sich die Situation – ganz besonders für Menschen in beengten Wohnverhältnissen oder in Sammel- und Mehrbettunterkünften.

So stand Flensburg laut RKI-Zahlen am 15.02.2021 mit einem Wert von 170,8 an der 9. Stelle der Tagesinzidenzen aller 401 Kreise und kreisfreien Städte der Bundesrepublik. Der Wert liegt derzeit sogar höher als in Italien, Großbritannien oder den Niederlanden – und fast auf dem Niveau Portugals, das sich durch einen strikten Lockdown gerade von einer 800er-Inzidenz „erholt“.

Viele Infektionen seit dem 1. Februar (insges. 284) finden im familiären Umfeld statt (83), aber auch im Bereich der Leiharbeit (56), denn in der Stadt sind viele osteuropäische Personen untergebracht, die im Umland in der Fleisch- und Fischindustrie eingesetzt werden. Das sind weitaus mehr als an den Arbeitsplätzen der Stadt (36). Aktuell gibt es auch Corona-Infektionen in einer Sammelunterkunft für 137 Geflüchtete. Die ersten Ergebnisse weisen bereits 15 Infizierte aus.

Herman U. Soldan-Parima, sozialpolitischer Sprecher der Flensburger Linksfraktion, erklärt dazu: „Es ist besorgniserregend und traurig zugleich, dass die Ansteckung mit Corona bei Leiharbeiter*innen und Geflüchteten, die in Mehrbett- bzw. Sammelunterkünften leben müssen, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung besonders hoch ist. Ein wirklicher Schutz vor Ansteckung ist Einzelpersonen und Familien dort nicht oder nur schwer möglich. Jeweils nur wenige hundert Menschen sind so einem weitaus höheren Risiko ausgesetzt als alle anderen Einwohner*innen.“

Die Ratsfraktion DIE LINKE schätzt ein, dass beengte oder unzureichend zu schützende Wohnverhältnisse bei Leiharbeiter*innen und Geflüchteten, aber auch bei größeren Familien – das ist schon lange bekannt – das Infektionsrisiko nun auch in Flensburg erheblich erhöhen. In der aktuellen Flensburger Situation deutet einiges darauf hin, dass die Verschärfung der Infektionslage mit der sozialen Lage der Betroffenen einhergeht. Wir haben es also immer mehr mit „sozialen Hotspots“ in der Stadt zu tun!

Prekäre und/oder beengte Wohnverhältnisse, besonders in Massenunterkünften, bewirken eine höhere Infektion und nachfolgend eine weitere Verbreitung in die Bevölkerung. Der allergrößte Teil der bisher und der aktuell Infizierten ist laut RKI zwischen 15 und 59 Jahre alt.

„Auf unsere Anfrage vom Mai 2020 betonte die Stadt Flensburg, für die Unterkünfte der Leiharbeiter*innen und den dortigen Zuständen in teils schäbigen Mehrbettzimmern, oft zu horrenden Bett-Mieten für die Leiharbeitsfirmen, nicht zuständig zu sein“, sagt Herman U. Soldan-Parima. Dies wurde auch bei der jüngsten Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses so dargestellt und auf die Arbeitsschutzbehörde des Landes verwiesen. Aber das ändert nichts an unzureichender Versorgung oder Quarantäne für dort lebende Infizierte.

Die Ratsfraktion DIE LINKE erwartet, dass die Stadt jetzt schnell reagiert und in Unterkünften für Leiharbeiter*innen und Geflüchtete lebenden Personen zur Durchführung der Quarantäne bzw. zum Schutz vor Infektionen Hotelzimmer oder leerstehende Wohnungen zur Verfügung stellt. Das gilt auch für Familien, die in beengten Verhältnissen leben. Infizierten Familienmitgliedern sollte eine solche externe Unterbringung ebenfalls ermöglicht werden. Neben den gesundheitlichen Gefahren sollte die Stadt Flensburg also spätestens jetzt die Rolle der sozialen Frage in der Pandemie erkennen und (auch präventiv) Lösungen erarbeiten!

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