„Beseitigt endlich die wahren Fluchtursachen!“

Die nach Europa Fliehenden sind die sichtbare Konsequenz eines menschenfeindlichen Agierens in Politik und Wirtschaft der europäischen Staaten. – Die meisten Tragödien bleiben (für uns) unsichtbar.

„…mehr als 90 Flüchtlinge ertrunken“, „…mehr als 400 Flüchtlinge ertrunken“ – Diese Meldungen beschreiben die Katastrophen vor der libyschen Küste an einem Tag und vor den Kanarischen Inseln im Atlantik innerhalb von 10 Monaten. Sie stammen aus den jüngsten Tagen. Auf die Titelseiten haben sie es nur noch selten geschafft.

Doch das tägliche Sterben geht weiter – auf dem Meer vor Spanien, Malta, Italien und vor Griechenland. Als ich vor 4-5 Jahren für eine Webseite Artikel zu diesem Thema verfasste, waren die unbekannten Opfer aus den Krisengebieten Afrikas und Arabiens mit Hilfe von kleinen Kreuzen fast noch „zählbar“ (s. Grafikausschnitt von Juli 2016). Doch heute überschreitet ihre Zahl die Grenze von 20.000 – und jeden Tag werden es mehr.

Noch weniger bekannt ist die Zahl der vielen Toten auf dem Weg durch die nordafrikanische Wüste, bevor die Küste erreicht werden kann. Sie wird auf mindestens das Dreifache geschätzt. Berichte in den gängigen Medien gibt es davon kaum. – In nur 5 Jahren (und alle Fluchtrouten zusammengenommen) dürften also weit mehr als 100.000 Menschen ihr Leben auf den Fluchtrouten verloren haben. Oder: Jede*r 20. hat die Flucht nicht überlebt.

Seenotrettung im Mittelmeer, die durch mehrere Initiativen geleistet wird, ist für einige Hundert Hilfe auf der letzten oder vorletzten Etappe ihrer Flucht. Sie ist notwendig und von humanem Geist getragen. Die für Fluchtfragen zuständigen EU- und Nationalstaaten verhindern jedoch diese Hilfe für vergleichsweise wenige Flüchtlinge, die es bis auf das Meer „geschafft“ haben. Rettungsschiffe werden am Auslaufen gehindert und die Verantwortlichen kriminalisiert.

Das Dilemma ist jedoch: Seenotrettung ist bei weitem nicht das erste, sondern eines der letzten Glieder in der langen Kette der Fluchttragödien. Die Katastrophe beginnt für alle zu Hause in ihrem eigenen Land. Teile der Agrarwirtschaft Afrikas sind seit Jahren zusammengebrochen, weil die EU die armen Länder mit Billigprodukten überschüttet oder die Küstengewässer leer fischt. Außerdem haben die EU-Staaten hohe Zölle für afrikanische Handwerks- und andere Produkte verhängt. – Oder es herrscht Krieg, wie im Nahen und Mittleren Osten – Kriege die von Nato und EU mit befeuert werden und für die die europäische Rüstungsindustrie Waffen liefern „darf“ und sich daran eine goldene Nase verdient…

Die meisten Flüchtlinge fliehen in andere Teile ihrer Länder oder in Nachbarstaaten. – Nach Europa kommen oft nur diejenigen, die das nötige Geld zusammenbringen können, um auf ihrem langen Weg rücksichtslose Schleuserbanditen oder Bootsverleiher zu bezahlen und sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Sie hoffen auf einen Einstieg in schlecht bezahlte Billigjobs in Südeuropa, um dann irgendwann Fuß zu fassen. Einige von ihnen bringen eine Ausbildung mit und werden in ihren Heimatländern schmerzlich fehlen. Dies tun auch diejenigen, die über hiesige Krankenhäuser und Facharbeitsunternehmen abgeworben werden – und die Fluchtstrapazen so zumindest teilweise umgehen können.

Für die seit Jahren andauernde Fluchtbewegung aus den benachbarten Krisenregionen sind also „wir“ in Europa erheblich mitverantwortlich. Es sind (auch) die europäischen Staaten, die die oben genannten Fluchtursachen schaffen – und dann auf politischer Ebene versuchen, die Tore für die meisten Flüchtenden zuzuhalten. Das ist nicht nur skrupellos und menschenverachtend, sondern auch kriminell.

Der Ausweg besteht also darin, die oben geschilderten Umstände zu beseitigen, damit die betroffenen Länder Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens endlich die notwendige Stabilität und friedliche Bedingungen für die Menschen erlangen können. – Hierzulande reicht es für eine grundlegende Problemlösung nicht aus, Flüchtlinge willkommen zu heißen und offene Grenzen zu fordern. So wichtig die Rettung und die Unterstützung hier für die vielen Menschen in Not auch ist (sie ist aus humanitären Gründen wahrhaftig „alternativlos“!): Dies bleibt eine oft viel zu späte Symptombekämpfung, die die eigentlichen Ursachen aus den Augen verliert.

Die eigentlichen Demonstrationen sollten sich gegen die politisch immer noch existierenden Mehrheitsverhältnisse für Krieg und Waffenlieferungen, für die wirtschaftliche Unterdrückung Afrikas und die gezielte Abwerbung von Facharbeitskräften richten. Die Verantwortlichen für Not, Elend und Fluchtursachen sitzen in unseren Regierungsinstitutionen, in wirtschaftlichen Konzernen und Verbänden, in Berlin ebenso wie in Brüssel – sowie in den Nato- und Bundeswehr-Planungsstäben und der einflussreichen und profitgierigen Rüstungsindustrie!

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