Wer feiert hier eigentlich was…?

Gedanken zum runden Jubiläum des größeren Gesamtdeutschlands

Ein Freund und eine Bekannte, beide in der Hauptstadt der DDR aufgewachsen und im System des Staatssozialismus kritisch sozialisiert, sagten Anfang 1990 mit dem gleichen Tenor in etwa: „Jetzt können wir aus unserem Land wirklich eine Deutsche Demokratische Republik (mit bewusster Betonung auf dem zweiten Adjektiv) machen. Wir haben hier nicht umsonst gelebt und uns bei Diskussionen über eine sozialistische und gerechte Zukunft immer wieder blaue Flecken geholt.“

Die Türen für eine demokratisch-sozialistische Wende schienen tatsächlich offen zu stehen, aber für genau diese Art einer neuen demokratischen Republik gab es nicht genug Vernetzungsmöglichkeiten – und so blieben das Engagement und auch die berechtigten Veränderungswünsche im Klein-Klein stecken. Zu sehr tönten die West-Medien, die ihnen und vielen DDR-Bürger*innen schon immer als eine Art Korrektiv zu den einäugigen und teils verfälschenden eigenen Medien galten, von großdeutschen Plänen und verbreiteten die dazu passenden Jubel-Szenarien.

„Als bei den Demos massenweise unser Staatswappen aus den Fahnen geschnitten wurde, ahnten wir, dass wir wohl keine Chance haben würden, in einer DDR weiterzuleben, die ihren Namen verdient. Die importierte Wohlstandswelt des Westens, die ich zwar bestaunt, aber nie gebraucht oder gewollt habe, nahm uns den Atem und erstickte viele Diskussionen“, erzählte die Bekannte wenige Jahre später. „Und dass dann nach der Grenzöffnung auch gleich noch der westdeutsche Rechtsextremismus ins Land kam und sich gröhlend festbiss, das war entsetzlich. Faschos gab es auch in der alten DDR, aber zum Glück konnten sie knapp genug den Kopf aus dem Fenster halten.“

Es war wichtig, dass die stalinistische Kaderrepublik in der sog. „Wendezeit“ weggedrängt wurde – ein System, das nicht hinterfragt werden durfte und das viele Menschen entmündigte und drangsalierte. Der Staatsapparat hatte sich durch den Kalten Krieg der Systeme in beklemmender Paranoia eingeigelt – im Widerspruch zu Marx und Luxemburg und gegen die Werte ihrer eigenen Verfassung. Mit Repression und Engstirnigkeit verspielten sie ihre Glaubwürdigkeit, selbst wenn es Erfolge gab in diesem Land, das nahezu allein die Reparationen nach dem faschistischen Terror leisten musste und das durch westliche Blockade und Sabotage um Milliardenbeträge „erleichtert“ wurde.

Ebenfalls ein paar Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD schrieb mir der Freund zu den Ereignissen der „Wendezeit“: „Das ist natürlich nicht die alleinige Schuld des Westens oder von Gorbatschow. Es gab ja viele bei uns, die den Heilsversprechen des Westens unkritisch glaubten und die von der alten DDR so satt waren, dass sie die Zukunft ihrer Heimat nicht mehr in die eigenen Hände nehmen wollten. Vielleicht waren Stabü (Staatsbürgerkunde-Unterricht) und Schnitzler (Der schwarze Kanal) ja nicht sonderlich attraktiv aufbereitet, aber wer es vorher schon nicht glauben wollte, muss doch jetzt begreifen, dass die Analyse über den Kapitalismus nicht so daneben war, wie immer behauptet wurde und wird. Niemand wollte das verstehen, denn im Gegenzug gab es ja immer nur die übertriebene Schönfärberei des eigenen, renovierungsbedürftigen Systems.“

Doch als sich die Chance für eine grundlegende Renovierung 1989/90 bot, fehlte es vielen Menschen an Mut, Weitsicht und Begeisterung, um die DDR endlich zum besseren deutschen Staat zu machen. Das westliche Trommelfeuer der Bonner Republik, die 1949 auf westalliiertes Geheiß als Separatstaat gegründet wurde und die damit Teilung des Gesamtstaates zementierte, tat sein Übriges, um das Ziel einer besseren DDR zu torpedieren und als „falsche Träume“ abzustempeln.

Und so bemächtigten sich die wirtschaftlichen, politischen und akademischen Eliten aus dem Westen eines ganzen Staates, der viel zu früh alle Viere von sich gestreckt hatte – überwiegend zum Vorteil der westlichen Strippenzieher. Die Negativfolgen der neuen Bevormundung und der wirtschaftlichen Zerschlagung (durch die Treuhandanstalt und sonstige Gaunereien) sind bis heute spürbar und prägen das Bild der Nachwende-BRD.

Vorher war im Westblick in der alten DDR immer alles schlechter. Und obwohl der damalige Sozialismus die Entfesselung der kapitalistischen Umverteilung in der BRD und Westberlin indirekt bremste, gab es für das, was in der DDR gut (und manchmal sogar besser) war, lediglich arrogante Häme. Und genauso ging der Westen ab 1990 im Beitrittsgebiet ans Werk und pulverisierte neben Großteilen der Wirtschaft auch die soziale und kulturelle Struktur eines ganzen Landes.

Heute ist im Beitrittsgebiet nicht mehr alles schlechter – aber ungerechter als im ohnehin ungerechten Gesamtstaat geht‘s seit Jahrzehnten zu: Jede*r Dritte arbeitet zu Niedriglöhnen (im Westen jede*r Fünfte), generell sind Löhne um bis zu 30 Prozent niedriger als im Westen, und damit ist der Armutsfaktor im Beitrittsgebiet in vielen Bereichen ungleich höher – ebenso die Perspektivlosigkeit außerhalb der zu wenigen wirtschaftlichen „Leuchttürme“. Und so verwundert es auch nicht, dass dort nur zwei Drittel der Menschen dazu bereit sind, der westlich geprägten Demokratie zu vertrauen, denn echtes Vertrauen hat sie sich durch ihr Vorgehen bei der Übernahme der DDR bei vielen auch gar nicht erworben.

Der Freund schrieb damals am Ende seines Briefes: „Den Staatssozialismus mit seinen Repressionen sind wir los, Gottseidank, auch wenn wir keine bessere DDR bekommen haben. Aber nun haben wir den Kapitalismus an der Backe, und es gehört schon viel Verdrängung dazu, dieses System in den Himmel zu loben. Manchmal war es spannender, den goldenen Westen von außen zu bestaunen. Da sah er aus wie das Paradies, aber seit ich drin lebe, ist eine ganze Menge davon abgeblättert. Einzelkämpfertum liegt mir nicht, und kollektive Sozialstrukturen sind heute verpönt.“

Das schrieb er übrigens einige Jahre vor Kriegs- und Kampfeinsätzen, vor der Agenda 2010, vor dem organisierten und staatlich verdrängten Rechts-Terror, vor den sich zuspitzenden Fluchtereignissen, vor dem Herumgeeiere in Sachen Klimaschutz – und vor der seit einigen Jahren schwächelnden Demokratie…

Da muten die auf Westperspektive getrimmten Jubelfeiern und das zugehörige Medienangebot bisweilen grotesk an. Schließlich hat das nun gesamtdeutsche Land mit diversen gravierenden Ungerechtigkeiten, der sozialen Ausplünderung weiter Teile der Bevölkerung durch die Eliten und nicht zuletzt auch mit Demokratiedefiziten (teils herbeigeführt durch die Mehrheitspolitik) zu kämpfen… Diese Aspekte der „Einheit“ tauchen rund um den 3. Oktober aber bestenfalls ganz am Rande auf.

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