Nervig: Falsche Wortkreationen

Oder: Wie Sprache „verbogen“ wird, um etwas zu verschleiern. – Hier an zwei (auf den ersten Blick harmlosen) Alltagsbeispielen dargestellt…

„Malta hat Herausforderungen“. Diesen knappen Satz sprach jüngst ein EU-Parlamentariker über das kleine Land im Mittelmeer – und es ging um handfeste Probleme bei der Aufnahme von Flüchtlingen… „Probleme“: Genau dieses Wort versuchen viele Leute in Politik, Wirtschaft und an diversen Arbeitsplätzen, zwanghaft zu vermeiden. Denn, so scheint es, ein „Problem“ ist ein Problem – und das klingt nicht gut. Also haben wir „Herausforderungen“, z.B. bei der Maskenpflicht, bei der Kindererziehung oder im Straßenverkehr. Und in Gedanken scheinen alle, die vor einer „Herausforderung“ stehen, sofort die Ärmel hochzukrempeln, um sich ihr konstruktiv zu stellen und alles besser zu machen… „Herausforderung“ klingt nun mal irgendwie besser, aber es geht letztlich doch immer nur darum, ein Problem (!) zu erkennen, zu beschreiben und (hoffentlich) zu lösen – nur sollen wir es, geht es nach den Sprachverneblern, so nicht nennen.

Noch misstrauischer sollten wir bei dieser „Sprachaufhübschung“ (Fachwort: Euphemismus) werden, wenn klar wird, dass sie wieder mal US-amerikanischen Ursprung hat. Dort ist eine „Herausforderung“ eine „Challenge“. Und genau dieses Wort bedeutet z.B. auch in unseren TV-Shows neuerdings, eine schwierige Aufgabe zu lösen: mit verbundenen Augen über ein tiefes Tal zu balancieren, den Namen des chilenischen Präsidenten herauszufinden, mit einem Tiger ein Kotelett zu teilen oder einen Turm aus Dreiecken zu bauen, der nicht umfallen darf… – kurz gesagt: das spielerische Lösen von Problemen. Und so versucht der sich immer weiter verbreitende Neu-Sprech, uns ein handfestes Problem als eine spannende „Herausforderung“, der wir uns mit Neugier und Elan stellen, unterzujubeln! – „Malta hat Herausforderungen“ – das klingt ein bisschen wie „Oma hat Durchfall“, „Vati hat Kampfgruppe“ oder „Gisela hat Schulden“… Dieser Malta-Satz ist daher wie viel zu viele andere dieses Typs wirklich ein echtes PROBLEM…!!!

Und schnell noch etwas Anderes: Feiern wir nicht alle gerne – einen runden Geburtstag, einen Schulabschluss, eine Wohnungseinweihung oder eine Person, die etwas Besonderes erreicht hat, zum Beispiel? – Ja, das macht wirklich Spaß, und an viele solcher Feiern erinnern wir uns gerne. – Weniger Spaß macht es (mir) hingegen, das Verb „feiern“ immer häufiger für kollektives Abhängen im Park oder am Strand oder in Ballermann-Bars hören zu müssen (sogar jüngst in der Tagesschau!) – oft mit ebenso kollektivem Besäufnis oder ähnlichem verbunden…

„Feiern“ kann man nicht nur mit netten Leuten, sondern man muss es mit einem Akkusativ-Objekt („Wen oder was?“) tun: Das heißt, das Verb braucht Anlässe, Ereignisse oder Personen, die man feiert. Verben, die sprachlich ein solches Objekt verlangen, nennt man „transitiv“. Wenn ihnen dieses Objekt fehlt, verlieren sie ihren eigentlichen Sinn. „Wir gehen heute feiern“ ist daher ebenso sinnfrei wie „Wir gehen heute kaufen“; denn hier fehlt eben das „Wen oder was“… – Wie wär‘s also mit „Wir machen ‘ne Party“ oder „Wir gehen tanzen (trinken, kiffen – oder alles zusammen)“ oder „Wir treffen uns alle am Strand“…? Das sind anlasslose und (zumeist) schöne oder hippe Verabredungen – und niemand würde ein Akkusativ-Objekt bzw. eine Begründung dafür vermissen… schon gar nicht, wenn die Leute dort hackevoll herumtaumeln…

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